„Es ist ein ständiger Balanceakt“
Ein Gespräch mit Anna Piquardt über ihren Kampf für den Erhalt der Bäume in der Leinemasch und im Ricklinger „Holz“ und die Kampagne „Die Leinemasch ist noch nicht verloren!“
Liebe Anna, vielen Dank, dass Du Dir die Zeit für dieses Gespräch nimmst. Die geplante Erweiterung des Südschnellwegs in Hannover und die damit verbundenen Rodungen haben für viel Aufsehen gesorgt. Es gab Baumbesetzungen, Räumungen und am Ende dann doch Rodungen. Dennoch geben Sie nicht auf. Könnten Sie uns zunächst erläutern, was die Leinemasch und den Ricklinger Wald so besonders wertvoll macht?
Anna Piquardt: Es ist kein großer Wald, aber es ist ein großartiger Wald. Er ist einer der ursprünglichsten Wälder, die Hannover "hat" und er ist so besonders wegen der Beeke (Ihme), die ihn durchfließt. Er verbindet das südliche und nördliche Ricklinger Holz und erfüllt eine wichtige Funktion für die Biotopvernetzung. Förster Gerald Klamer hat dies in seiner Stellungnahme betont darüber hinaus ist der Ricklinger Wald von großer Bedeutung für das lokale Mikroklima und ich bin mir sicher, dass alle Autofahrer es sehr zu schätzen wissen, wenn sie bei Ihrer Ankunft in Hannover von einem wundervollen Kronendach schöner alter Bäume empfangen werden. Vor allem im Sommer, wenn es heiß und stickig ist. Die Bäume tragen sehr zum Wohlempfinden in dieser Region bei. Und es ist lächerlich zu glauben, dass Ausgleichsmaßnahmen in der Lage wären, diesen Wald zu ersetzen.








Die geplante Erweiterung des Südschnellwegs würde also eine erhebliche Beeinträchtigung dieses Ökosystems darstellen. Welche konkreten Folgen befürchtest Du?
Wird der Ausbau des Südschnellweges wie geplant umgesetzt, hätte dieses Zerreißen des Waldes unkalkulierbare Konsequenzen in Bezug auf die Lebens- und Entwicklungsfähigkeit dieses Gebietes und auf die Vielfalt der Lebewesen, die dort leben.
Und wir können nicht immer weiter so tun, als ob es das Klimaproblem nicht gäbe. Die 1,5 Grad-Grenze ist schon überschritten. Und in dieser historischen Lage noch mehr Wald für breitere Straßen wg. eines fehlenden Standstreifens abzuholzen, obwohl es Alternativen gibt, ist ein Verbrechen.
Der Erhalt des Trassenwaldes am Südschnellweg ist der kostengünstigste Klima- und Menschenschutz, den man sich für Hannover vorstellen kann. Denn man spart außerdem 30 bis 50 Mio. Euro. Stellen Sie sich einmal vor, was man damit alles an anderen Projekten im Bereich Verkehrswende, Klima- und Hochwasserschutz oder auch die vielen maroden Brücken in Niedersachsen finanzieren könnte.
Der Wert von gewachsenem Wald für das klimatische Gleichgewicht der Erde ist allgemein bekannt und wird beispielsweise in der Waldstrategie 2030 und dem Aktionsplan natürlicher Klimaschutz anerkannt.
Wir fühlen wir uns außerdem in unserem Grundrecht auf Gesundheit angegriffen (Menschenrecht auf gesunde Umwelt).
Das EGMR-Urteil vom 09.04.2024 hat juristisch festgestellt, dass Bürger*innen ein Menschenrecht auf wirksamen Klimaschutz zum Schutz ihrer Gesundheit haben, dem sich auch der Verkehrssektor unterzuordnen hat. In der Schweiz wurde anerkannt, dass die Sterblichkeit von Senioren und Seniorinnen in Folge des Klimawandels bereits gestiegen ist. Der Verkehr kennt viele Opfer. Feinstaub, Nano-Partikel, Treibhauseffekt und der Verbrauch wertvoller Ressourcen. Das kann nicht so weiter gehen. Das Wissen auch alle und trotzdem verharren wir in einem „weiter so“. Obwohl es Alternativen gibt.[i]
Ihr arbeitet zurzeit an der Kampagne „Jeder Baum zählt“ für den Erhalt des Waldes. Welche Ziele verfolg Ihr mit dieser Kampagne und wie andere Bürger*innen diese Kampagne unterstützen?
Anna Piquardt: Mit der Kampagne „Ricklinger Wald – Für natürlichen Klimaschutz am Südschnellweg – Jeder Baum zählt“ wollen wir deutlich machen, dass das Festhalten an der alten Planung zwar möglicherweise legal ist, aber dass natürlicher Klimaschutz anders aussieht und immer noch möglich ist.
Unser Ziel ist es, den Trassenwald zu erhalten und naturschonende Alternativen, die bereits vorgestellt wurden, prüfen zu lassen. Bürger*innen können Teil unserer Gemeinschaft werden, indem sie für einen Button spenden (Empfehlung: 5 Euro) und sich mit ihrer E-Mail-Adresse in unsere Liste eintragen. Dadurch werden sie über Aktionen informiert und können Präsenz zeigen. Ein Teil des Spendenbetrags wird für die Produktion und Werbung verwendet, der größere Teil für weitere juristische Vorgehensweisen wie Beratung und die Unterstützung noch laufender Klage. In symbolischer Anlehnung an andere Orte, wo kollektiv Wald gekauft wird, um Zerstörung zu verhindern, setzen wir auf diese Unterstützung. Wir senden auch eine Bittschrift an die Bundesregierung (Umweltministerium, Gesundheitsministerium, Verkehrsministerium) sowie an den niedersächsischen Ministerpräsidenten Stephan Weil und die NLStBV. Zudem kann man in der Liste ein Kreuz für die „Rechte der Natur ins Grundgesetz“ machen, um eine ökologische Justierung unseres Rechtssystems zu fordern.
In den letzten Tagen gab es unerwartete Rodungen. Wie hat das Eure Initiative und Moral beeinflusst?
Anna Piquardt: Wir sind durch die kurzfristig angekündigten Rodungen erschüttert, zumal sie ein viel größeres Ausmaß (1,4 ha vom 17.-22.2.25) hatten als nach der Informationsveranstaltung der Niedersächsischen Landestraßenbaubehörde Ende August zu erwarten gewesen war (so viel zu der transparenten Informationspolitik). Die neue Situation hat uns aber darin bestärkt, dass die Kampagne auch dann Sinn macht, wenn die Rodungs- und Straßenverbreiterugsmaschinerie tatsächlich nicht mehr aufzuhalten sein sollte. So wird die Diskrepanz zu dem sichtbar, wie es eigentlich sein sollte. Es wird deutlich, dass natürlicher Klimaschutz anders aussieht und immer noch möglich ist.
Du erwähnst auch juristische Vorgehensweisen. Gibt es aktuelle Klagen gegen den Ausbau?
Anna Piquardt: Ja, es gibt glücklicherweise noch zwei Klagen von der Bürgerinitiative Umweltschutz und von einer Eigentümerin kleiner Gärten. Bei letzterer gab es bereits bei dem Bau des ursprünglichen Südschnellwegs eine Enteignung der Großmutter, und sie hat wohl einen sehr guten Anwalt, der Verfahrensfehler gefunden hat. Wir hoffen, immer noch, dass die Politik und NLStBV Niedersächsische Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr dazu zu bewegen sind, Ihren Ermessungsspielraum für weniger Zerstörung zu nutzen.
Du sprachst von einem „runden Tisch“ zum Südschnellweg, der sich als „sehr unrund“ herausgestellt hat. Welche Erfahrungen habt ihr mit diesem Runden Tisch gemacht?
Anna Piquardt: Der „Runde Tisch“ hat sich leider als Alibi-Veranstaltung herausgestellt. Es wurden Versprechungen gemacht, die nicht eingehalten wurden. Nach wir monatelang jeden Monaten Morgen von 8.30-9.30 vor dem Wirtschafts- und Verkehrsministerium getrommelt haben, teilte uns das Ministerium im August mit, dass die versprochene Prüfung der Alternativen nicht stattgefunden hat. Leider haben wir es bisher nicht geschafft, diese Information in die große Öffentlichkeit zu bekommen.
Zitat aus dem Schreiben der Rechtsanwälte …
„Wir haben den Eindruck, dass es der Politik und der Verwaltung jetzt nur noch darum geht ein Exempel zu statuieren, nach dem Motto: „Wo kommen wir denn hin, wenn wir Bürgerproteste ernst nehmen.“ Das hat sicher auch mit dem Reformstau in Deutschland zu tun. Denn in der Tat dauern in Deutschland alle Planverfahren endlos lange. Dass die Verwaltung das – angesichts einer maroden Brücke – fürchtet verstehen wir. Aber es ginge in diesem Fall auch ganz anders. Ein ganz neues Planverfahren ist nicht nötig, sagen unsere Fachanwälte. Aber die Politik und die Verwaltung wollen sie. Sie wollen nicht und haben Angst, dass ein Erfolg unseres Anliegens Schule machen könnte
Abschließend, was wünscht Ihr Euch von den Menschen in Hannover und darüber hinaus im Hinblick auf den Schutz des letzten Bäume in der Leinemasch und des Ricklinger Holzes?
Anna Piquardt: Ich wünsche mir natürlich Unterstützung für unsere Kampagne. Das kann durch eine Spende für den Button und das Eintragen in unsere E-mail-Liste geschehen, um an Aktionen teilzunehmen. Wichtig ist, dass wir gemeinsam zeigen, dass wir weiter den Erhalt des Trassenwaldes wollen und uns in unserer Gesundheit angegriffen fühlen, wenn er zerstört wird. Er ist unersetzbar und unbezahlbar. Wir müssen auch die Diskrepanz zwischen Verkehrssicherheit und dem Regierungsauftrag zum Klimaschutz deutlich machen. Vielleicht kann dadurch eine Sensibilisierung auf allen Ebenen stattfinden, sodass niemand diesen Ausbau wirklich will und wir gemeinsam nach Wegen aus dieser Situation suchen können. Auch die Petition unter openpetition.de/erhalterletztenbäumeamsüdschnellweg ist ebenfalls eine Möglichkeit, sich zu beteiligen.
Anna, ich habe noch Fragen zu Deiner persönlichen Situation. Denn für die meisten Menschen ist es nicht so einfach, zu verstehen, woher Ihr und Du den Mut nehmt, euch trotz aller Niederlagen immer wieder für die Natur in der Leinemasch und das Ricklinger Holz einzusetzen?
Anna Piquardt: Bei mir ist es die Liebe zur Natur. Ich bin in der Leinemasch groß geworden. Auf einem Bauernhof. Mit Tieren. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie wertvoll und schützenswert unsere Natur ist. Wenn Natur zerstört wird, kann ich nicht einfach zusehen. Ich fühle mich verantwortlich. Es geht mir um die Natur selber und um die Rechte kommender Generationen auf Natur.
Dein Engagement ist beeindruckend. Aber ist es nicht auch eine große Belastung und fordert sehr viel Kraft?
Anna Piquardt: Ja, das ist wahr. Es gibt Tage, an denen ich mich unglaublich erschöpft fühle, weil der Widerstand gegen solche Großprojekte sehr kräftezehrend ist. Es ist ein ständiger Kampf, und manchmal fühlt es sich an, als würde man gegen riesige, unaufhaltsame Kräfte antreten. Dazu kommt, dass ich neben dem Aktivismus auch noch ein eigenes Leben habe. Das alles unter einen Hut zu bekommen, ist nicht immer leicht. Ich habe oft das Gefühl, zwischen zwei Welten zu stehen. Auf der einen Seite ist da mein persönliches Leben mit Familie, Freunden, Dingen, die mir wichtig sind. Andererseits ist da der Kampf für den Erhalt der Leinemasch, der so viel Raum einnimmt. Ich frage mich auch oft, ob ich genug für mich selbst tue oder ob ich mich nicht zu sehr verausgabe. Aber ich kann auch nicht einfach aufhören – dafür bedeutet mir dieser Kampf zu viel.
Gibt es dafür eine Erklärung?
Anna Piquardt: Mein Elternhaus war und ist für mich ein Rückzugsort, mein kleines Paradies. Dort kann ich auftanken, durchatmen und wieder erden. Und dann ist da natürlich die Unterstützung von Gleichgesinnten. Ich weiß, dass ich nicht allein bin, dass andere genauso leidenschaftlich für die Natur kämpfen. Das gibt mir Hoffnung.
Trotzdem machst du dir Gedanken darüber, wie du dich selbst schützen kannst?
Anna Piquardt: Ja, das wird mir immer bewusster. Ich wurde schon öfter darauf hingewiesen, dass ich besser auf mich achten muss. Ich lerne gerade, dass Selbstfürsorge kein Egoismus ist, sondern notwendig, um langfristig aktiv bleiben zu können.
Woher nimmst Du den Optimismus?
Anna Piquardt: Weil ich an Veränderung glaube. Es gibt Rückschläge, ja, aber es gibt auch Erfolge. Und es gibt immer mehr Menschen, die verstehen, dass wir die Natur nicht zerstören dürfen. Wir sind selber Natur. Ich sehe dies alles nicht als verlorenen Kampf, sondern als langfristigen Prozess. Und solange es Menschen gibt, die sich für soziale Gerechtigkeit und die Rechte der Natur einsetzen, gibt es Hoffnung.
Was würdest du Menschen sagen, die sich ebenfalls engagieren wollen, aber Angst haben?
Anna Piquardt: Dass jeder Beitrag zählt, egal wie groß oder klein. Und dass man nicht allein ist. Man muss nicht alles opfern – im Gegenteil: Um wirklich wirksam zu sein, muss man auf sich selbst achten. Aktivismus ist kein Sprint, sondern ein Marathon.
Vielen Dank, Anna, für das Gespräch und für dein Engagement für die Rechte der Natur!
Sie können Annas Kampagne auf Open Petition unterstützen
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[i] Dem sehr informativen und lesenswerten Buches von Leinemasch BLEIBT. Erschienen im Oekom Verlag im Dezember 2024 ist folgendes zu entnehmen: Die Hochrechnungen, auf denen die Planung beruht, geht davon aus, dass die Verkehrswende nicht stattfinden wird. Die Verwaltung geht also davon aus, dass unser Staat sich an die von ihm selber erlassenen Gesetze und Ziele nicht halten wird.
Das Gespräch führte Christine Ax, vom Verein "Netzwerk Rechte der Natur".
